MATTERHORN ULTRAKS ZERMATT: GESCHICHTEN, DIE DER LAUF SCHREIBT!

Startbogen des Matterhorn Ultraks Zermatt mit vielen Läufern und dem Matterhon im Hintergrund

 

Der Matterhorn Ultraks Zermatt ist Geschichte. Was bei den Läufern bleibt sind Blasen, müde Beine und die Erinnerung an grosse Emotionen. Beim Speaker ist es die raue Stimme nach 13 Stunden Moderation. Vor allem aber ist es die Erinnerung an Geschichten von Menschen.

 

Ein gutes Stück Wahnsinn, eine Prise Sorglosigkeit, eine Handvoll Selbstvertrauen und mit etwas Glück genügend Trainingskilometer: Das sind die Zutaten, um an einem Lauf wie dem Matterhorn Ultraks dabei zu sein. Bei manchen Teilnehmern, die ich mir beim Start so anschaue, hege ich Zweifel bezüglich der Trainingskilometer, bin mir aber sicher, dass die Sorglosigkeit in einer ziemlich grossen Portion vorhanden ist. Doch ob Spitzenathlet oder Hobbyläufer: Allen ist gemeinsam, dass Sie mit starken Geschichten in den Lauf starten oder aber mit einer solchen aus dem Lauf hervorgehen.

 

Meiggja!

Da ist die junge Spitzenläuferin aus dem Oberwallis, die ohne massenweise Trainingskilometer kaum leben kann. Deren Freude darin zu bestehen scheint, sich zu quälen. Nicht so sehr, um den kurzen Moment des Rampenlichts auf dem Podium zu geniessen. Es geht um eine andere Art der Anerkennung, es geht um Selbstachtung, es geht um das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu ein, um das Wissen, die letzten Kilometer eines Laufs als Erste hinter sich zu bringen, für den Lohn, ein Zielband an der Spitze zu durchschreiten. Es geht um die Gewissheit, in harten Trainings das Richtige getan zu haben und seinen Körper jeden Tag etwas besser verstehen und fordern zu lernen. Es geht um die Balance auf dem messerscharfen Grat zwischen zuviel wollen und zuwenig können.

 

Schmatz!

Da ist der erfahrene Spitzenläufer aus England, der einen Meter nach der Ziellinie zusammenbricht. Dem die Beine wegknicken. Der nach Atem ringt, weil sein Kopf es nicht zulassen wollte, den Beinen und Füssen etwas Ruhe zu gönnen, statt Höhenkilometer und steinige Wege im Eilschritt zu fressen. Er kann kaum noch stehen und fällt mir trotzdem um den Hals, drückt mir einen dicken Kuss auf die Wange, dieser kleine, unscheinbare Mann mit übergrossem Herzen. Er habe auf der gesamten Strecke nie etwas essen können, wird der mir später zu Protokoll geben. Er habe noch nie so gelitten, wird er mir ins Mikrophon sagen. Trotz drittem Platz: Nie mehr wolle er sich sowas wieder antun. Bis zum nächsten Mal, entnehme ich den unüberhörbaren Zwischentönen. Denn er ist offenbar sehr glücklich, schwebt auf Wolke sieben, geniesst die Ausschüttung von Glückshormonen. Er wird mit seinen Kollegen zurückkommen. Nächstes Jahr. Ganz bestimmt…

 

Grind!

Da sind die zwei Frauen, die sich vor dem Rennen noch nie über den Weg gelaufen sind. Die sich unterwegs begegnen. Die eine kämpft gegen den inneren Schweinehund. Die andere hat bereits entschlossen, diesem den Sieg zu überlassen. „700 Höhenmeter bis zum Schwarzsee, das ist doch das Letzte, was frau will“, wird sie mir erzählen. Trotzdem ist sie im Ziel. Trotzdem strahlt sie über das ganze Gesicht. Denn sie hat eine neue Freundin gefunden. Eine, die sie motiviert hat, weiter zu laufen. Die sie mitgeschleppt hat. Die ebenso „fix und groggi“ war. Die aber einen harten Kopf, einen eisernen Willen an den Tag legte, der offenbar für zwei reichen sollte. Allein wären wohl beide nicht ins Ziel gekommen. Zu zweit wurde es ein Erfolg.

 

Aua!

Da ist der hagere, bärtige Spanier, der sich mit schmerzverzerrtem Gesicht, den linken Arm mithilfe seines Trinkrucksacks fest an den Körper gepresst, über die letzten Meter Richtung Ziel schleppt. Mit ihm ein anderer Läufer. Er hat den Verletzten unterwegs nach einem schlimmen Sturz aufgegabelt. Hilft ihm. Richtet ihm Schulter und Arm soweit, dass er die letzten Kilometer noch fertig laufen kann. Begleitet und stützt ihn. Denn er will das Rennen unter keinen Umständen aufgeben. Der Rennarzt wird später ein gebrochenes Schlüsselbein diagnostizieren. Eigentlich unmöglich, so zu laufen, wird er mir sagen. Die Grenze zwischen Heldentum und Dummheit verwischt bei einem solchen Lauf.

 

Tränä!

Ein junger Mann weint hemmungslos in mein Mikrophon. Ich ziehe mich zurück. Er hat vor dem Zieleinlauf eine Fahne mit dem Namen „Jo“ hervorgeholt, hält sie beim Überqueren des Zielstrichs hoch über seinen Kopf. Mich packt die Neugier. Ihn übermannen die Emotionen. Jo sei sein Freund. Er laufe dieses Rennen nicht mit sondern für ihn. Weil er das nicht mehr könne. Weil er viel zu jung mit 19 Jahren vor ein paar Monaten gestorben sei. Ich fühle die Hitze in meinen Augen aufsteigen. Die nächsten fünf Minuten kann ich nichts mehr sagen, denn bei jedem Versuch, ins Mikrophon zu reden, rollen mir Tränen über die Wangen und die Worte bleiben irgendwo in der trockenen Kehle stecken. Ich glaube, mit diesem jungen Mann ist der heilsame Geist dieses Wahnsinns in Laufform auch bei mir angekommen…

Please follow and like us:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.