I. Teil: Gedanken zu Olympia 2026 in Sitten

Frage: Was haben praktisch alle grossen, finanziellen Entscheidungen in der Politik gemeinsam? Als beruflich und privat motivierter, lanjähriger Beobachter der Politik habe ich immer wieder erfahren, dass in der Politik die Befürworter die Risiken eines Entscheids immer kleinreden und die Chancen gross. Das war damals bei der R3 so, das war beim Autobahnbau so, das war bei der Umfahrung von Brig/Naters so, das war bei Damm, Strasse und Eisenbahngallerie zwischen Bitsch und Mörel so und so weiter und so fort.

Der Blick durch die rosarote, politische Brille zeichnet Bilder von Harmonie und Schönheit, die positive Wirkung eines Entscheids wird beschworen und die Realität wird zu grossen Teilen ausgeblendet. Denn schliesslich gilt es, dem Volk das verdiente Glück zu bescheren, koste es, was es wolle. Später erlebt man dann die harte Wahrheit und sieht sich, oh Wunder, plötzlich den tatsächlichen Kosten gegenüber.

„Dringlicher Nachtragskredit“ und „unvorhersehbare Schwierigkeiten“ oder „dringliche Nachbesserungen“ und „sprunghafte, technologische Entwicklung“  sind dann die beliebtesten Schlagworte der Politiker. Das Erstaunlichste an diesem Prozess: Unabhängig von der politischen Couleur können sich später alle nur an die Fehler der anderen erinnern und schaffen es auf mirakulöse Art und Weise, die eigenen Katastrophen zu verdrängen.

Eigenkritik: Natürlich bin ich von dieser Kritik nicht ausgenommen. Denn als Kommunikationsberater kommt es durchaus vor, dass ich für den einen oder anderen Politiker sein Argumentarium publikums- und politwirksam zurechtbiege. Ab und an kommt es vor, dass ich dann den Auftrag dankend ablehne. Daraus abzuleiten, dass ich jetzt moralisch über anderen stehe, ist aber stark an den Haaren herbeigezogen…

Der gleiche Mechanismus der politischen Schönfärberei findet jetzt auch rund um Olympia Sion 2026 statt. Obwohl die Argumente der Olympiagegner gewichtig sind und durch zahllose Medienberichte, Studien und sogar Gerichtsurteile belegt sind, weigert sich die Mehrheit der Befürworter tatkräftig und wider besseres Wissen, die Argumente gelten zu lassen. Mit dem Totschlagargument: „Wir sind nicht die anderen und wir werden das alles selbstverständlich besser machen!“ wird die Gegenseite abgeschmettert und feuchtfröhlich wird dem eigenen Wohlfühlargumentarium gefrönt. Frei nach dem Motto: „Man muss eine Lüge nur lange genug erzählen, damit man selber daran glauben kann.“

Dabei wird auf die rechtsstaatlichen Grundsätze und demokratischen Kontrollmechanismen verwiesen, als ob diese im Nachhinein als Weich- und Weissspühler alles wieder gerade biegen könnten. Doch gerade das Wallis hat in der Vergangenheit immer wieder auf ziemlich eindrückliche Art und Weise unter Beweis gestellt, dass es um diese rechtsstaatlichen Grundsätze und die demokratischen Kontrollmechanismen nicht zum Besten steht. Warum dies in Bezug auf Olympia-Milliarden anders sein soll, entzieht sich meinem Verständnis. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass sich einzelne Grossanlässe im Wallis trotz staatlicher Unterstützung und dem damit verbundenen Öffentlichkeitsprinzip weigern, ihre Zahlen offen zu legen. 

Kommt noch hinzu, dass sich der Bock zum Gärtner macht, also die politischen Entscheider auch gleich die eigenen politischen Entscheide nachträglich kontrollieren und öffentlich ausbreiten sollen. Wenn bei einem Entscheid soviel politische Einigkeit besteht, wie jetzt bei Olympia im Grossrat, ist es äusserst unwahrscheinlich, dass die Parteien später kritisch auf  die selber gefassten Entscheide zurückkommen. Wie soll eine paritätisch, also im Verhältnis zu der Parteistärke zusammengesetzte Untersuchungskommission zu einem Resultat kommen, dass ja genau wegen dieser Verteilung der Parteistärke erst nötig geworden war? Diesen Satz darf man auch ohne sich schlecht zu fühlen zweimal lesen.

Mir geht es bei Olympia nicht in erster Linie um das liebe Geld. Davon hätte es in der Schweiz zur Genüge. Es geht auch nicht darum, ob wir imstande sind, eine Olympiade zu organisieren. Natürlich wären wir das! Es geht mir darum, wie und wo öffentliche Mittel mit welcher Wirkung eingesetzt werden.

Sportgesetz Wallis? Zu teuer! Direkte Nachwuchsförderung im Sport? Zu teuer! Grosszügigere Unterstützung von „kleineren“ Grossevents im Wallis? Zu teuer! Mitfinanzierung von notwendiger Sportinfrastruktur? Zu teuer! 30 Mio. für die Berufsweltmeisterschaften World Skills in der Schweiz: Zu teuer! Ein paar Mio. mehr für das NOK: Zu teuer! Wintersicherer Verkehr ins Goms? Zu teuer! Aber eine Milliarde aus Bern und 100 Millionen aus Sion werden locker und rasch auf den Tisch gelegt, wenn es um die Olympiade geht? Und das mit dem wissenschaftlich nachgewiesenen Wissen, dass die Investitionen in Olympia volkswirtschaftlich einen Nutzen von plus/minus Null haben?

Wem das nicht zu denken gibt, verspricht sich selber von Olympia einen grossen, persönlichen Nutzen und pfeift auf die Allgemeinheit (anders gesagt wird er durch Olympia korrumpiert). Oder er lässt sich ein weiteres Mal von den politischen Versprechen einlullen, die nicht wahrer sind als die Halbwahrheiten und Vermutungen in vielen vorangegangenen Debatten, in denen sich die Politik auf eine gewichtige Konstante der Demokratie verlassen konnte: das äusserst kurzfristig ausgelegte Gedächtnis der meisten Stimmbürger!

Ceterum censeo, olympiam delendam esse!… oder so ähnlich.

Teil II folgt morgen.

 

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