Findet Sion2026 nur mit bestehenden Anlagen statt?

Nachhaltige Spiele, das ist das Ziel von Sion2026! Dabei bildet ein wichtiges Element das Kernargument: Für Olympia 2026 steht schon alles! Doch stimmt das auch, wenn man die rosarote Olympiabrille ablegt?

 

«Wir können morgen Olympische Spiele durchführen!» Das möchte man zumindest glauben, wenn man die Olympiapromotoren beim Wort nimmt. Denn wortwörtlich steht im Kandidaturdossier auf Seite 6: «…die Spiele im Herzen der Schweiz (werden) die bestehenden Einrichtungen mehrerer

Kantone nutzen.» Irgendwo steht aber zur Sicherheit noch, dass neue Infrastrukturen nicht ausgeschlossen werden.

Zum Glück, denn sonst würde es nicht nur knapp, sondern unmöglich, Olympia in unserer Region zu veranstalten. Denn der Blick auf das schon zitierte Kandidaturdossier zeigt schon ein paar Seiten weiter ein, gelinde gesagt, etwas anderes Bild.

Fangen wir mit einem Beispiel zum Schmunzeln an. Bekanntlich sollen ja Big Air und Aerials (das sind die Wahnsinnigen, die zu Technobeats mit Snowboard oder Ski über Monsterschanzen fliegen und sich kurios verrenken und in allen Dimensionen verdrehen, was wiederum dazu führt, dass diese «Moves» unverständlich-englische Namensorgien provozieren) in der Olympia-Kapitale Sion stattfinden. Und, oh Wunder, diese Anlage besteht bereits! Denn unter «bestehende Infrastrukturen» wird sie auf Seite 23 des Kandidaturdossiers mit 1’000 Sitz- und 10’000 Sitzplätzen frischfröhlich aufgeführt. Ich muss von ausserordentlicher Blindheit geschlagen sein, dass mir diese Anlage in Sion noch nie aufgefallen ist…

Natürlich kann man in Montana hervorragend Ski fahren, auch als Weltklasse Rennläufer. Dass aber für den Ausbau der Rennpiste eigentlich noch unfinanzierte Investitionen von 50 Millionen Franken und der Tod etlicher Bäumchen geplant ist, steht erst etwas später in der Machbarkeitsanalyse unter der Rubrik «Risiken».

Dasselbe gilt übrigens auch für den Langlauf im Goms, Ski- und Boardercross in Thyon, Halfpipe in Leysin, Curling in Visp, Hockey in Freiburg, Biathlon in Les Diablerets, Eröffnungs- und Schlusszeremonie in Sion und das Skispringen und die Nordische Kombination in Kandersteg. Überall dort setzen die Promotoren auf Anlagen, die zwar in den einzelnen Orten durchaus vorgesehen oder gewünscht, aber noch nicht gebaut, geschweige denn vom Volk abgesegnet, per Baubewilligung autorisiert oder gar finanziert sind.

In Zahlen: Im Goms fehlen noch 7-10 Millionen, in Thyon 4-5 Millionen, in Leysin 3 Millionen, in Visp 3 Millionen, in Freiburg 10-15 Millionen, in Sion für das Tourbillon 18 Millionen, in Les Diablerets 6 Millionen und in Kandersteg allein für die Grosschanze ca. 25-30 Millionen.

Ach ja: Die Eisschnelllaufhalle in Aigle wartet auch noch auf Planung, Bewilligung, Bau und 60 Millionen zur Finanzierung. Von den vielen, vernünftigen, kleinen und strategisch klug verteilten, olympischen Dörfern als Unterkunft für Athleten und Betreuer fehlt übrigens auch noch jede Spur. Und der Gipfel der Unverschämtheit, hört man munkeln: Das stinkreiche St. Moritz will doch tatsächlich 20 Millionen für den Ausbau der Bobanlage herausschlagen.

Wie 40-Tönner auf einer privaten Naturstrasse bei Thyon das Zielgelände erreichen und das Goms bei heikler Schnee- und Lawinensituation von allen Seiten für 15’000 Zuschauer erreichbar bleiben soll, ist im Dossier zur Olympiakandidatur ebenfalls keiner Zeile wert. Und sollte in Zermatt Skialpinismus als olympische Testdisziplin stattfinden, wird die Diskussion um den wintersicheren Ausbau der Strasse in die «Horu-Destination» neue Höhenflüge erreichen. Aber halt, die Strasse ist ja laut Staatsrat Melly «wintersicher»…

Und nur so: Wer denkt, dass sich SBB und MGB in der touristischen Hochsaison während dreier Wochen zusätzliches Rollmaterial aus dem Arsch ziehen, um den vielgenannten olympischen Ring per Bahn zu realisieren, dem sei folgendes auf die Nase gebunden: Die Beschaffung neuen Rollmaterials hat für die SBB beim letzten Mal fünf Jahre gedauert, also fünf Jahre länger als die geplanten drei Jahre ab Bestellung im Jahr 2010, insgesamt also 8 Jahre. Das dürfte für 2026 gerade so… nicht reichen.

Aber jetzt bitte keine falschen Schlüsse ziehen. Mir ist Sion 2030 genau so unsympathisch wie Sion 2026…

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