ALLE MACHT DEN NIKOLAUSIAS…

Was war das Leben früher einfach. Wir spielten noch Streiche, die mit einer Ohrfeige statt mit Polizeiaufgebot und Anzeige geahndet wurden. Wir teilten untereinander noch Haue aus, ohne dass gleich ein Careteam auftauchte und schulpsychologische Gutachten angefordert wurden. Wir tobten abends noch um die Häuser und massakrierten Fensterscheiben, ohne am nächsten Tag mit Ritalin ruhiggestellt zu werden. Und wir durften früher noch ungestraft Mädchen hauen. Zumindest einmal im Jahr. Am Nikolaustag.

Da zogen wir Jungs, und bitte boys only, am 5. Dezember so richtig um die Häuser. Die Jüngeren mit Bischofsmütze und Kuhglocke, die Sechstklässler, also die Grossen, als Nikolaus, Hauptmann, Esel (zumindest das hat sich nicht verändert!) oder Habersack (Futtersack) verkleidet. Und als Schmutzli. Bereits Wochen im Voraus wurde um die besten Ämtchen gefeilscht. Völlig ungefragt war der Nikolaus, weil der sich benehmen musste. Habersäcke durften schon mal den Gehstock als Knüppel benutzen oder mit dem Bajonett des Grossvaters rumfuchteln. Esel und Eseltreiber durften den Mädchen hinterherlaufen, ohne von der Kanzel herunter als sündig bezeichnet zu werden. Spitzenreiter aber war der Schmutzli, weil der mit seiner Rute ungestraft Mädchen jagen und auch hauen durfte. Tja, die gute alte Zeit.

Dass der eine oder andere dabei Mal übertrieben hat und dass der Tag natürlich auch dazu genutzt wurde, um mit Oberstreberinnen und Verpetzerinnen abzurechnen, darüber breitet sich die Omerta der Nikolausmafia aus. Tatsache ist, dass im Grossen und Ganzen Jungs und Mädchen ihren Spass daran hatten. Denn traf der Schmutzli mal alleine auf ein „Rudel“ Mädchen, erging es im schlecht. Erstens wurde ihm die Rute abgenommen und zweitens war er nun das Opfer, das mit breitem Grinsen Kopf voran in den Schnee oder in den Dorfbrunnen geschubst wurde. Dabei war viel weniger die Kälte das Problem als vielmehr die verlorene Würde. Denn Derartiges wurde einem ein Schulleben lang nachgesagt und bei jeder Gelegenheit unter die Nase gerieben. Die Rute konnte ersetzt werden. Gegen vor Nässe triefenden Bart und durch Schneematsch wieder sauber geriebene ehemalige Schuhcremegesichter half aber nichts. Die Schande ward erschaffen! Die Natur der Dinge sorgte dafür, dass Mädchensolidarität sich oft gegen rohe Jungenkraft durchsetzte und weitaus mehr Jungenseelen der Schande anheim fielen als Mädchen blaue Striemen hatten.

Und heute! Da wird es für meine Jungs sehr schwierig, noch echte Jungs zu sein. Vor allem am Nikolaustag. Denn die „Alice Schwarzers“ dieser Welt haben auch im streng konservativen Grengiols dafür gesorgt, dass die Gleichberechtigung Einzug hält. Ok, neben Alice sind auch stark rückläufige Geburtenzahlen daran beteiligt! Was soviel heisst, dass seit ein paar Jahren auch Mädchen beim Nikolausläuten mitmachen dürfen. Da wundert’s Hausmann doch beträchtlich, weshalb der Zölibat noch überlebt… Nun, wenn die Mädchen im Nikolausumzug mitlaufen, wem sollen denn Mr. Big und Mr. Little künftig noch als Esel, Habersack oder gar Schmutzli hinterherlaufen? Woher sollen sie denn lernen, dass Mädchen nur einzeln und niemals im Rudel anzugehen sind? Und dass dies später auch für grössere, weibliche Wesen gilt?

Trotz derartiger Gedanken brachte ich Mr. Big und Mr. Little heute Morgen, am 5. Dezember dieses Jahres gegen 10 Uhr zum Start des Treichelumzugs. Aaahhhhhh! Der Nikolaus war eine Nikolausia mit Bart! Die Habersäcke waren Hebersackinnen, aus Eseln wurden Stuten, aus dem Hauptmann eine Hauptfrau mit langer, blonder Mähne. Und der Blick ins schwarz gefärbte Gesicht des Schmutzlis zeigte… eine Schmutzla! Doppel-Aaaahhhhhh!! Mr. Little verdrehte etwas die Augen ob der hellen Stimme von Nikolausia. Spätfolgen sind bei ihm nicht auszuschliessen. Muss den Psychologen anrufen… Und Mr. Big nätte sich hinter all den Amazoninnen ganz hinten auch unter lauter Mädchen einordnen sollen. Ebenfalls mit kaum absehbaren Folgen für sein künftiges männliches Selbstverständnis.

Der erste Gedanke war Flucht. Aber dafür war es schon zu spät. Die Schmutzla kam mit elegantem Schritt auf meine Jungs zu, die Rute geschultert und griffbereit. Ich sah schon meine sämtlichen Übeltaten als Schmutzli und Esel über meinen Jungs in Form eines kräftigen Rutenschlages zusammenbrechen und hielt ihnen die Hand, um ihnen zu helfen, den Schmerz ohne Wimpernzucken zu ertragen. Da sagte eine liebliche Stimme, die aus dem geschwärzten Gesicht zu kommen schien: „Das ist aber allerliebst, dass ihr zwei auch kommt!“ „Aaaaaaahhhhhhh, Jungs, rette sich wer kann! Die Welt ist verloren…“

Please follow and like us:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.